(DE) Aktuelles Heft von Brandeins: "Ziele werden maßlos überschätzt!"

Liebes Netzwerk,

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Brandeins (Heft 6, "Entscheiden Sie. Jetzt!") gibts ein grösseres, 3-seitiges Interview mit mir.
Interviewtitel: “Ziele werden masslos überschätzt” - Seite 48-51.

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Hier zur Anregung gleich vorab eine Mail-Nachricht, die ich von einem guten Freund erhielt zum Brandeins-Interview - und danach meine Antwort darauf an ihn!

Er schrieb: "...

Habe gerade dein Brandeins-Interview gelesen. Interessant. Schoene einpraegsame ‘Messages’. Meine Vermutung ist, dass du sagst man sollte total auf Planung verzichten, aber doch wahrscheinlich einsiehst, dass ein Mimimum an ‘Rahmenbedingungfestlegung’ (um das Wort ‘Planung’ zu vermeiden) schon gemacht werden muss; e.g. was fuer Spielraeume haben wir, was sind die derzeitigen Bandbreiten unserer Moeglichkeiten, basierend auf Ressourcen (e.g. Reserven, Kredite, Mitarbeiter usw), oder?

Gerade fuer ein Unternehmen wie VW stelle ich es mir schwierig vor, ganz ohne Planung auszukommen, da der Zeitraum von der Idee bis zur Serienproduktion eines Fahrzeugs durchaus etwas komplex ist.

Meiner Meinung nach geht es daher nicht komplett ohne Planung und Resourcenverteilung (budgets?) – aber ich stimme dir zu, dass der ganze Budgetzyklus Irrsinn ist.

Interessanterweise gibt es ja Unternehmen, die erkannt haben, dass Flexibilitaet und staendige Veranderung unabdingbar sind/werden und urspruenglich projektbezogenes Changemanagement als State-of-Mind zu etablieren.

Ohne dein Buch gelesen zu haben (sondern nur ein paar Artikel), koennte ich mir vorstellen, dass ‘Keine Planung’ als ‘nur kurzfristig’ missverstanden werden koennte. Wie sollen denn solche Dinge (e.g. Ausbildung von Mitarbeitern, Flexibilisierung von Arbeitsablaeufen, R&D…), die laengere Zeit in Anspruch nehmen, koordiniert werden? Ressourcen (ob in der Bundesregierung, Unversitaet, Firma) sind nunmal immer begrenzt – wer entscheidet dann letztendlich ueber die Verteilung und aufgrund welcher Kriterien?"

Meine Antwort darauf: "...

Das mit dem "Auf Planung verzichten" ist ganz ernst gemeint. Es ist keine Polemik, keine Übertreibung, keine Provokation. Sondern ganz seriös, begründet und genau so gemeint. Mir ist bewusst, das ist polemisch - aber es ist einfach rational und ganz praktisch richtig. Ich hab selbst lange drüber nachgedacht, ob man so weit gehen könnte, Planung GANZ zu ersetzen und jeden Planungsbegriff zu eliminieren. In meinem 2. Buch ist z.B. noch von einer Form der Planung die Rede, die sinnvoll sei... dann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das falsch und zwecklos und kontraproduktiv ist: Planung ist als Ganzes falsch.

Der Punkt ist: Wenn man sich mal überlegt, was Planung macht, wie Planung funktioniert - dann kann man diese Managementtechnologie Planung einfach nicht mehr einsetzen wollen. Und es gibt halt wirkungsvolle Alternativen. Z.B. Vorbereitung. Meisterschaft. Improvisation. Dialog. Konsultative Entscheidung. Und viele mehr. Zusammen sind diese Methoden 1000mal wirkungsvoller als Planung. Planung indes ist per sé schädlich.
Im Übrigen WISSEN wir, dass es Firmen gibt, die nicht im klassischen Sinne planen. Die mögen halt den Planungsbegriff noch verwenden teilweise (einfach weil diese Firmen dem Begriff Planung eine neue Bedeutung gegeben haben), aber sie planen nicht mehr. Unglaublich? Aber wahr!
Beispiele sind Southwest Airlines, Handelsbanken, Gore, dm-drogerie markt, Egon Zehnder, Google und andere. Alles keine Klitschen!

>Für Ressourcensteuerung ist die Planungspraxis das Schlimmste was man machen kann...
Lustig, dass du fragst, wie VW ohne Planung funktionieren könnte. Meine Antwort: Wenn der Benchmark von VW, nämlich Toyota, das kann, dann müsste es doch bei VW auch gehen - oder? ;-)
Mehr dazu im Buch.

Auch in der Projektarbeit, die du erwähnst, gibts ja seit einiger Zeit eine Methodologie, die ohne Planung (!) und sogar ohne Projektmanagement auskommt. Kennst du bestimmt - sie heisst Scrum. Jeder weiss, dass Scrum funktioniert und wie leistungsfähig ist. Scrum ist mehr als eine Technik (als der PMBOK-Shit usw.) - es ist eine Haltung. Nun, der Beta-Kodex ist Scrum für ganze ORGANISATIONEN. Und das funktioniert, erfordert aber TRANSFORMATION, also mehr als Change-Management... auch dafür haben wir bewährte Ansätze gefunden, vor allem bei den US-Experten John Kotter und William Bridges, und daraus einen leistungsfähigen Transformations-Ansatz entwickelt. Mit anderen Worten: Heute könnte sich auch ein VW transformieren hin zu Beta. Keine Frage.

>Ohne dein Buch gelesen zu haben (sondern nr ein paar Artikel), koennte ich mir vorstellen,
>dass ‘Keine Planung’ als ‘nur kurzfristig’ missverstanden werden koennte.
Könnte. Da sieht man mal, wie tief der Planungsirrglaube sitzt - wir können uns nicht mal VORSTELLEN, wie eine Alternative aussehen würde!
Ich begegne dem ständig, in Vorträgen, in Seminaren, in der Beratung... da müssen wir regelmässig ganze Vorstellungswelten von "organisierter Arbeit" dekonstruieren und neu konstruieren.

>Wie sollen denn solche Dinge (e.g. Ausbildung von Mitarbeitern, Flexibilisierung von Arbeitsablaeufen,
>R&D…), die laengere Zeit in Anspruch nehmen, koordiniert werden?
Na wie wär´s mit: Statt PLANwirtschaftlicher Koordination mit MARKTwirtschaftlicher Koordination - genau so wie in unseren Volkswirtschaften. Die pant doch auch keiner!
Da gibts Markt! Punkt. Wir wissen sogar ganz genau, dass es nur etwas Regulierung (Prinzipien) bedarf und dass Markt der einzige vernünftige Mechanismus ist. Jetzt musst du das nur gedanklich auf Unternehmen übertragen.
Was brauchts da?

>Ressourcen (ob in der Bundesregierung, Unversitaet, Firma) sind nunmal immer begrenzt –
>wer entscheidet dann letztendlich ueber die Verteilung und aufgrund welcher Kriterien?
Na wie wärs, wenn die Peripherie entscheiden würde, statt das Zentrum oder der verhandelte Plan (sowjetisch)?

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Bin gespannt auf Meinung und Debatte hier im Forum!
Niels Pfläging

Comments

WernerPopken's picture

VC-Prozeduren

Beispiel aus der Praxis: Disruptive Technologies werden dringend gesucht (sowas wie Google oder YouTube), aber nur mit ausgefuchstem Businessplan, bitteschön. Und vorab soll schon mal feststehen, daß der Investor sich nach 4-5 Jahren mit mindestens 10fachem Gewinn verabschieden kann.

PS: Ich würde mal gerne den legendären ersten Businessplan von Google sehen.