Unternehmensplanung ist überflüssig. Und schädlich.
Als man vor ungefähr hundert Jahren begann, Autos in Serie zu produzieren, musste man sich kaum um den Markt kümmern – der Mangel war groß und die Wirtschaftswelt übersichtlich. Dies war die historische Geburtsstunde der Planung in den Unternehmen: Man begann, die Budgets, die Produktion, den Absatz, die Kosten und den Personalbedarf zu planen. Das passte gut in eine Zeit, in der die Märkte träge waren und man ohnehin glaubte, der Mensch könne alles erreichen und die Zukunft durch Vorausschau nach dem eigenen Willen gestalten. Vor allem wegen dieser Vorstellung von Steuerbarkeit hat sich das Planen bis heute in den Firmen gehalten. Das Problem ist nur: Die Welt, in der sich Unternehmen bewegen, ist nicht mehr dieselbe wie vor hundert Jahren. Heute, in Zeiten gesättigter Märkte, aufgeklärter Konsumenten, von Globalisierung, Terroranschlägen und Aschewolken wird der Unsinn des Planens immer offensichtlicher. Eigentlich. Steuerbarkeit ist eine Illusion geworden. Die Planwirtschaft der Sowjetunion ist tot. In Unternehmen wird weitergeplant.
Wir gehen gemeinhin davon aus, dass der, der gut plant, vorausschauend handelt. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn Firmen planen, verschwenden sie entweder ihre Zeit oder schaden sich sogar. Denn wer heute erfolgreich sein will, muss eigentlich hochflexibel reagieren können, um sich an die sich schnell verändernden Bedingungen der Märkte anpassen zu können. Das ist das Gegenteil von Plan, also einer Haltung, bei der man für eine bestimmte Zukunftsspanne festlegt, was man auf welchem Wege erreichen will. Ich selbst habe früher in Konzernen als Controller solche Prozesse verantwortet – eine dramatischere Zeit- und Ressourcenverschwendung kann man sich gar nicht vorstellen. Es genügt, wenn sich ein Wechselkurs oder der Rohstoffpreis oder ein Gesetz irgendwo auf der Welt ändert – schon stimmen die Vorhersagen nicht mehr mit der Realität überein. Dann müssen die Pläne an die Realität angepasst werden. Daran sieht man gut, dass Planung eigentlich nicht vorausschaut, sondern vielmehr reaktiv und statisch wirkt. Die Folge ist permanenter Frust. Außerdem entwickeln Manager eine Neigung dazu, Schuldige für die unpassenden Vorhersagen finden zu wollen. Wer meint, die Zukunft mit Zahlen unter Kontrolle bekommen zu können, der hat entweder keine Ahnung vom Markt und davon, wie Leistung entsteht, oder der setzt sich bewusst nicht mit der Realität auseinander. Der schafft sich eine perfekte Welt, getrieben durch eigene Wünsche und Hoffnungen. Das ist aber eine von der Realität entkoppelte Sicht der Welt. Dabei gilt: Unternehmen brauchen keine Planung. Nicht heute. Nicht morgen.
Was tritt an Stelle von Planung, wenn man auf sie verzichtet? Etwas, das schon da ist. Intelligent denkende, zu Verantwortlichkeit fähige Menschen, die flexibel auf die Anforderungen von außen, insbesondere der Kunden, reagieren – wenn man ihnen die Freiheit dazu gibt! Hinzu können zur Orientierung sogenannte „relative“ Ziele kommen: Wir nehmen uns vor, besser als der Wettbewerber oder eine andere Einheit innerhalb unseres Unternehmens zu sein. Nur bloß keine Zahlenwerte festlegen! Ein Formel-1-Fahrer plant ja auch nicht, dass er das Rennen in exakt einer Stunde und 28 Minuten fahren will. Er nimmt sich vor, schneller als die Konkurrenz zu sein. Und wenn das nicht gelingt, muss man nach den Ursachen suchen, mehr üben oder etwas verbessern.
Einige Unternehmen wie Southwest Airlines, Google, dm, Aldi oder Schwedens Handelsbanken betreiben ihr Geschäft in diesem Sinne und sind so seit Jahren sehr erfolgreich. Die fortschrittlichsten übertragen den Mitarbeitern dort, wo der eigentliche Kundenkontakt stattfindet, Verantwortung, zugleich gewähren sie ihnen Einblick in alle relevanten Geschäftszahlen. Wenn eine Filiale dann nicht gut läuft, greift nicht das Management oder das Controlling ein. Das entsprechende Team selbst muss handeln: Es holt sich bei Kollegen Rat und sucht nach den Gründen für die eigene, schlechtere Performance. Die Mitarbeiter sind dann nicht mehr damit beschäftigt, vorgegebene Zahlen auf Gedeih und Verderb zu erfüllen, um dem Management zu schmeicheln. Sondern sie dürfen und müssen selber mitdenken, wie sie zum Erfolg des Unternehmens beitragen können. So spart man sich auch aufwendige interne Abweichungs- und Schuldzuweisungs-Rituale. Aus Planwirtschaft kann unternehmensweites Unternehmertum werden.
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